„Ich bin ein Berliner Junge“ – Zeitzeugengespräch mit Rudi Leavor (Studienfahrt 2017)

„Ich bin ein Berliner Junge.“ Damit eröffnete Rudi Leavor das Zeitzeugengespräch mit uns, einer Schülergruppe der elften Klasse des Humboldt-Gymnasiums Ulm im Archiv des Jüdischen Museums Berlin.

Zur Vorbereitung auf dieses Gespräch nahmen wir an einem Workshop zu unterschiedlichen Themenbereichen rund um den jüdischen Alltag während des Nationalsozialismus teil. Wir bildeten vier Gruppen, die sich mit je einem Thema beschäftigten. Die erste Gruppe behandelte das Thema Bildung für Juden, die zweite Gruppe untersuchte die Situation der jüdischen Ärzte, die dritte die Emigration nach England und die letzte Gruppe befasste sich mit der Bar/ Bat Mizwa. Jede Gruppe erarbeitete ihr Thema mit Hilfe eines Historikers. Das Besondere an dem Workshop war, dass wir die Informationen aus Originaldokumenten herausarbeiten konnten.

Das Gespräch mit Rudi Leavor schloss sich an den Workshop an und wurde vom Leiter des Archivs, Aubrey Pomerance, moderiert. Die Themen des Workshops bildeten das Grundgerüst für das Gespräch.

Zum Einstieg in das Zeitzeugengespräch berichtete Rudi Leavor von seinen persönlichen Erfahrungen unter dem NS-Regime.

Rudi Leavor wurde 1926 in Berlin als Rudolf Librowicz als Sohn eines jüdischen Zahnarztes geboren. Seine Familie wurde immer stärker mit dem Antisemitismus konfrontiert, sodass sie 1937 nach England emigrierte. Wir erfuhren von Rudi Leavors Schulzeit, zunächst auf der Volksschule, dann auf der jüdischen Schule, von den Schwierigkeiten seines Vaters als jüdischem Arzt und der Verhaftung seiner Eltern. Dieses Erlebnis war schließlich ausschlaggebend für die Emigration nach England. 

Durch das Leben Rudi Leavors wurde uns Schülern erstmals bewusst, was der wachsende Antisemitismus und die rechtliche Ausgrenzung der deutsch-jüdischen Bevölkerung wirklich bedeutete. 

Nachhaltig beeindruckt hat uns Rudi Leavors gefasster Umgang mit den Geschehnissen sowie seine Fähigkeit zur Vergebung und seine positive Lebenseinstellung, welche er bis heute bewahrt hat. Er hat uns gezeigt, dass man trotz eines solchen Schicksals, wie er es erleben musste, Lehren aus der Vergangenheit ziehen und hoffnungsvoll in die Zukunft blicken kann. Diese Einstellung verkörpert er sowohl in seiner Bereitschaft mit deutschen Schülern über seine Lebensgeschichte zu sprechen und sie dadurch zum Nachdenken anzuregen als auch in seiner Arbeit als Präsident der jüdischen Reformgemeinde in Bradford, die unter anderem darin besteht ein friedliches Miteinander der unterschiedlichen Religionen zu realisieren. Unter anderem dafür wurde ihm in diesem Jahr die British Empire Medal verliehen. 

Rudi Leavor stiftete sein privates Familienarchiv dem jüdischen Museum – auf die Frage, warum er seine Familiengeschichte in die Obhut eines Museums in staatlicher Verantwortung gibt, antwortete er sinngemäß, dass es vor siebzig Jahren nicht möglich gewesen wäre, an U-Bahnhöfen Hinweisschilder auf ein jüdischen Museum zu finden. 

Für uns heute erscheint dieses Hinweisschild als selbstverständlich – während es für ihn ein Symbol für eine positive Zukunft und eine tolerante Gesellschaft darstellt, zu der er mit seiner Stiftung beiträgt. 

Wir alle danken Aubrey Pomerance und seinem Team für die Möglichkeit diese Erfahrung machen zu können und Rudi Leavor für seine Offenheit und seine Bereitschaft seine Erfahrungen mit uns zu teilen.

 

Imen Abdelhedi, Daniela Grandjean, Eva Möritz, Leon Scheuffele (JS1, für die Studienfahrt Berlin des  Humboldt-Gymnasiums Ulm)

Studienfahrt Berlin 2016

16.-22. Juli, Berlin. 17 Schülerinnen und Schüler und zwei Lehrer des Humboldt-Gymnasiums aus Ulm verbrachten eine Woche im Zuge ihrer Studienfahrt in der Hauptstadt. Der Fokus lag auf der neuen und neusten Geschichte Deutschlands und speziell Berlins.
Spannende und lehrreiche Besuche von Museen und Gedenkstätten gab es zahlreiche, der wohl eindrücklichste Programmpunkt war jedoch zweifellos der Besuch im Jüdischen Museum mit Zeitzeugengespräch. Das Archiv des Museums unter Leitung von Aubrey Pommerance ermöglichte der Gruppe Einblicke in die Geschichte der Juden im 20. Jahrhundert in Form eines Workshops. Die Schülerinnen und Schüler arbeiteten in Kleingruppen mit Archivmitarbeitern Dokumente aus der Zeit zwischen 1914 bis 1945 durch und lernten so mithilfe anschaulicher und vor allem echter Briefe, Pässe und Bilder einiges über das Leben der Juden in Deutschland. Durch den Archivworkshop hatten sich alle reichlich Hintergrundwissen angeeignet, welches im anschließenden Zeitzeugengespräch von großem Nutzen sein sollte. Das Ehepaar Barbara und Peter Rothholz war den weiten Weg aus Los Angeles nach Berlin gekommen, um an diesem Tag den Schülern ihre Geschichten zu erzählen und vor allem auf Fragen aller Art zu antworten.

Als einziger Sohn eines aus Posen stammenden jüdischen Wertpapierhändlers und dessen aus Bayreuth stammenden Frau wurde Peter Rothholz 1929 während der Weltwirtschaftskrise in Berlin geboren. Im Jahr der Machtergreifung Hitlers ließen sich seine Eltern scheiden und Peter Rothholz zog mit seiner Mutter nach Bayreuth. Dort habe er als kleiner Junge zum ersten und auch einzigen Mal Hitler in Person zu Gesicht bekommen, als dieser mit einer Propagandaparade durch Bayreuth zog. 1936 verließ Peter Rothholz die Stadt jedoch schon wieder und zog zu seinem Vater nach Dresden, um dort eine jüdische Schule zu besuchen. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges emigrierten sein Vater und er nach England, wo er seine restliche Kindheit verbrachte und den Krieg gegen Deutschland miterleben musste. Erst nach dem Ende des Krieges verließen Peter Rothholz und sein Vater England wieder und zogen stattdessen in die USA, wo er später Geschichte studierte. Während des Korea-Kriegs kehrte Peter Rothholz als junger Mann erstmals nach Deutschland zurück, um in Stuttgart und Umgebung zu dienen. Im Zuge dieses einjährigen Aufenthalts stattete er sogar Ulm einen Besuch ab. Zurück in den USA führte Peter Rothholz jahrzehntelang eine erfolgreiche Public Relations Agentur und lebt heute mit seiner Frau Barbara Rothholz, die ebenfalls ursprünglich aus Deutschland stammt und Jüdin ist, in Los Angeles und New York. Zusammen bereisen die beiden die Welt und statten gelegentlich dem Jüdischen Museum Berlin einen Besuch ab, um mit interessierten Schülern ihre Erfahrungen zu teilen und Fragen zu beantworten.
Viele Schülerinnen und Schüler interessierten sich ganz besonders für den Antisemitismus in Deutschland und inwiefern Barbara und Peter diesen persönlich zu spüren bekommen hatten. Barbara Rotholz hatte schon mit sieben Monaten Deutschland verlassen und hatte deshalb keine Erinnerungen an diese Zeit. Peter Rothholz hingegen kann sich an eine einzige antisemitische Äußerung eines SA-Mannes ihm gegenüber erinnern. Ansonsten habe seine Herkunft aus Deutschland in England eine größere Rolle gespielt, als seine Religion. So sei es verboten gewesen deutsch auf der Straße zu sprechen und vor allem sein Vater habe Schwierigkeiten gehabt eine Arbeit als deutscher Emigrant zu finden.
Eine der wohl interessantesten Fragen wurde ganz am Ende gestellt. Die Frage, ob er sich persönlich als deutsch, britisch oder amerikanisch bezeichnen würde beantwortete Peter Rothholz mit einem Lächeln im Gesicht. Er sei Amerikaner, der seine Kindheit in England verbracht habe und in Deutschland geboren worden sei. Warum sollte man sich für eins entscheiden, wenn man alles sein kann?

Das Zeitzeugengespräch hinterließ bleibende Eindrücke bei allen Beteiligten und war für alle eine einmalige Erfahrung.
Im Zuge dessen bedanken sich alle Schülerinnen und Schüler und deren Lehrer beim Jüdischen Museum Berlin, dem Leiter des Archivs Aubrey Pommerance, seinen Mitarbeitern und bei Barbara und Peter Rothholz.

 

Isabell Schleicher (JS1, Humboldt-Gymnasium Ulm)